© Kasper Tuxen Andersen
Die beiden Schwestern, gespielt von Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas, in „Sentimental Value“ von Joachim Trier.
Nachdem “Sentimental Value” von dem norwegischen Regisseur Joachim Trier gleich fünf Preise beim Europäischen Filmpreis 2026 gewonnen hatte, wollten wir diesen Film nun endlich sehen. Am Sonntagmorgen waren noch fast alle Plätze frei, zur Aufführung am nächsten Abend war das Kino bis auf den letzten Platz gefüllt. Angenehm ruhig erzählt Trier die Geschichte einer Familie, die in einem alten Haus lebt. Er lässt sich Zeit mit seinen Filmen und bringt nur alle paar Jahre einen neuen ins Kino. Nach dem Tod der Mutter versuchen die Töchter, wieder Kontakt zu ihrem Vater zu finden. Der Kinoregisseur hatte seine Familie im Stich gelassen – Filme und Frauen waren ihm wichtiger. Er ist ein in sich gekehrter Egomane, der nun aber selbst eine Annäherung zu seinen Töchtern sucht, indem er einen Film über die Familie dreht. Damit schafft Trier eine zweite filmische Realität.
Virtuos wechselt er zwischen den Erzählebenen, ganz besonders beeindrucken der Vater und seine älteste Tochter, die als Schauspielerin am Theater Erfolge feiert. Renate Reinsve und Stellan Skarsgård erhielten für ihre Darstellung ebenfalls den Europäischen Filmpreis in diesem Jahr. Wie im Fluge verging “Sentimental Value”, nicht einen Moment wurden dem Publikum die 135 Minuten zu lang. Gebannt waren alle in eine andere Realität eingetaucht. Die Welt der hektischen News und immer neuen Katastrophen und Probleme war einfach ausgeblendet. Mit guten Gründen plädiert der Schweizer Autor Robert Dobelli in seinem Besteller “Die Kunst des digitalen Lebens” für eine konsequente „News-Diät“. Die permanente Erreichbarkeit für News aller Art und seien sie noch so banal, setzt uns unter Stress.
Vor einer Woche war die Welt noch in hellem Aufruhr wegen der Ankündigung des amerikanischen Präsidenten, Amerika “brauche” Grönland. Nicht die zahllosen Aufrufe seiner NATO-Partner zur Zurückhaltung dürften Donald Trump umgestimmt haben, wohl aber die Reaktion der Finanzmärkte und Signale der mächtigen skandinavischen Pensionsfonds. Die amerikanischen und europäischen Börsen verzeichneten spürbare Kursverluste. In diesem Kontext wurde die interessierte Öffentlichkeit (endlich) wieder einmal auf die gewaltige amerikanische Staatsverschuldung aufmerksam. Die gesamtstaatliche Verschuldung in den USA betrug dem Joint Economic Committee zu Folge am 7. Januar 2026 38,43 Billionen US-Dollar, und die Schulden steigen täglich um 8,03 Milliarden Dollar an! In der allherrschenden Nervosität kam plötzlich zu Tage, dass knapp 40% der deutschen Goldreserven im Wert von über 300 Milliarden Euro bei der Federal Reserve Bank of New York liegen, wohl aus historischen Gründen. Die internationalen Finanzmärkte sind längst eine Realität für sich, schwer zu durchschauen und längst nicht mehr zu beherrschen. Johann Wolfgang von Goethe dürfte wohl niemand widersprechen: “Am Gelde hängt’s, zum Gelde drängt’s”.
Erk Walter
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