Die Fußballweltmeisterschaft ist weit mehr als ein Turnier – sie ist ein globales Gedächtnis, ein emotionaler Resonanzraum und ein kollektives Archiv voller Mythen, Dramen und ikonischer Momente. Mit seinem opulent gestalteten Band liefert Andreas Matlé genau das Werk, das Fußballfans im WM-Jahr 2026 brauchen: eine visuelle und erzählerische Zeitreise durch 100 Jahre Fußballgeschichte.
Interview: Heidi Zehentner
Andreas Matlé versammelt in seinem reich bebilderten Buch die großen und kleinen Geschichten der Weltmeisterschaften seit 1930 – und schafft damit ein Panorama, das gleichermaßen nostalgisch wie überraschend ist. Er blickt zurück auf die magischen Momente, die unsere Fußballkultur geprägt haben: das Wunder von Bern, das Jahrhundertspiel im Aztekenstadion, Maradonas berüchtigte „Hand Gottes“. Doch das Werk geht weiter: Matlé widmet sich auch jenen Episoden, die weniger bekannt, aber nicht minder faszinierend sind – etwa einem Team, das von einem König zusammengestellt wurde, einer Mannschaft, die unter dem Spitznamen „die Leoparden“ Fußballgeschichte schrieb, oder einer kuriosen Anekdote, bei der Spieler auf einem Luxusdampfer Gymnastikübungen absolvieren mussten, um fit zu bleiben.
Der Band zeigt, welches Turnier als das langweiligste gilt, welches als das Beste in die Annalen eingegangen ist und warum jede Weltmeisterschaft ihre eigene Aura besitzt. Durch farbige Abbildungen, historische Fundstücke und präzise erzählte Hintergründe entsteht ein Werk, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte – zur Einstimmung auf die WM 2026, als Nachschlagewerk während des Turniers oder als Erinnerungsalbum für die Zeit danach. Matlés Buch ist ein zeitloses Dokument der Fußballgeschichte – ein Werk, das zeigt, warum die WM seit fast einem Jahrhundert nicht nur ein sportliches, sondern auch ein kulturelles Ereignis von weltweiter Bedeutung ist.
Tore, Tränen und Triumphe. Was können unsere Leser:innen erwarten?
Ein Streifzug durch 90 Jahre Fußball-Weltmeisterschaft gespickt mit einigen der interessantesten, kuriosesten, aber auch aufschlussreichsten Episoden aus dieser Epoche. Das ist oft unterhaltsam, regt aber bisweilen auch zum Nachdenken an.
Was war deine Intention, ein Buch zum Thema Fußball zu verfassen?
Im Prinzip dieselbe Absicht wie bei meinem Vorgänger-Buch „Deutsche Dinge“: Geschichte, den Wandel von Kultur, Gesellschaft und Mentalität anhand von Ereignissen darzustellen, die ansonsten nicht zu diesem Zweck herangezogen werden. Ich behaupte: Jede Weltmeisterschaft ist auch ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit.
Welche „Spielminute“ war dein persönliches Highlight?
Das Kapitel mit der 60. Spielminute: Als es in einem Spiel, je nach Spielstand, im Interesse beider Mannschaften lag, ein Eigentor zu erzielen bzw. das gegnerische Tor zu verteidigen.
Blättert man durch dein Buch, fällt der Facettenreichtum der angeschnittenen Themen auf.
Das tut ja nicht nur der Abwechslung gut, sondern es sind auch allesamt Bereiche, die eine wichtige Rolle spielten oder immer noch spielten. Alkoholismus und, weniger tragisch, dafür eher peinlich, wie viele Spieler der Meinung waren, sie müssten sich auf Schallplatten verewigen. Der Einzug von Werbung – wer weiß schon, dass 1955 erstmals eine Mannschaft, nämlich in Uruguay, Reklame auf den Trikots trug? Frauen im Fußball – sowohl als sogenannte Spielerfrauen, aber auch ihr langwieriger Weg als Spielerinnen. Eine deutsche Tageszeitung machte sich Anfang der 1970er Sorgen um die „zerbrechlichen Beine“ der deutschen Spielerinnen. Interessant finde ich auch die 55. Spielminute, die den Einfluss von Magier im afrikanischen Fußball schildert inklusive der Klage zweier Zauberer, die das Sportministerium ihres Landes verklagten, weil sie das vereinbarte Honorar nicht erhielten.
Fußball hat auch seine Schattenseiten ...?
Wie alle gesellschaftlichen Bereiche: Die Politisierung – das begann schon 1930 – und die Kommerzialisierung, die dem Sport mehr und mehr seine Seele raubt.
Welchen Bezug hast du selbst zum Fußball?
Als Schüler war ich zwei Jahre Nachmittagskicker auf dem Rasen des Kurfürstenplatzes in Frankfurt-Bockenheim und habe dann meine Aktivität auf das Tipp-Kick-Spielfeld im Kinderzimmer verlegt. Danach Stadion- und Fernsehzuschauer und Verfasser von unfassbar vielen Fußballstatistiken (es gab noch keinen Computer …).
Hand aufs Herz. Welcher ist dein Lieblings-Club?
Kann ich heute so nicht mehr sagen. Aber: Im Prinzip drücke ich immer den vermeintlichen Außenseitern die Daumen.
Fußball-WM 2026 auch in den USA. Trump will ICE schicken. Droht ein Boykott vieler teilnehmender Länder?
Nein. Die wirtschaftlichen Interessen sind viel zu groß und es wird keine Einigkeit unter den qualifizierten Mannschaften geben.
Kürzlich ist in Frankfurt der Mannschaftsbus des Fußball-Regionalligisten Hallescher FC ausgebrannt. Der Verein spricht von einem gezielten Angriff. Wird das Fanverhalten aggressiver?
Das glaube ich schon. Mein Kapitel „48. Spielminute“ widmet sich diesem Thema. Schon 1890 beklagte die englische Zeitung „The Times“: „Unsere Hooligans werden immer schlimmer.“ Und, nebenbei, bereits 532 gab es im Hippodrom von Konstantinopel Ausschreitungen unter gegnerischen Fans – beim Wagenrennen. So richtig los ging es mit der organisierten Gewalt im Fußball ab den 1980ern – auch in der DDR. Im Prinzip von Europa bis nach Südamerika. Ein trauriges Kapitel, das ich hier behandeln musste. In der 32. Spielminute ist davon die Rede, wie in Mittelamerika wegen einem Spiel sogar ein Krieg zwischen den beteiligten Ländern ausbrach.
Was wünscht du dir vom Fußball der Zukunft?
Etwas wahrscheinlich Unerfüllbares: Weniger Kommerz, mehr Nähe zu den Fans, mehr Bodenständigkeit, Spieler, für die das Wort „Vereinstreue“ noch etwas zählt, weniger Wettbewerbe, weniger Berichterstattung im Fernsehen von wegen Übersättigung und überflüssiger, sich ständig wiederholenden Interviews. Davon würden auch andere, genauso wichtige Sportarten profitieren, die an den Rand gedrängt worden sind.
Personalie Andreas Matlé
Andreas Matlé, geboren in Frankfurt, dort Abitur in der Gesamtschule Bockenheim Süd. 14 Jahre Mitbetreiber der Frankfurter Diskotheken Funkadelic und Roxanne. Seit 2001 bei dem kommunalen Energieversorger OVAG zuständig für die Pressearbeit und die kulturellen Veranstaltungen. Bislang elf Buchveröffentlichungen, u.a. der Spiegel-Bestseller „Kim Bui. 45 Sekunden“, „Deutsche Dinge. Eine Geschichte in 75 Objekten“ und, zeitgleich mit dem Buch zur Fußball-Weltmeisterschaft, „Mai Doung Kieu – Im Herzen bis du unbesiegbar.“