© Jonas Holthaus 2026
Michelle und Henry stammen aus unterschiedlichen Welten. Sie begegnen sich, sie verlieben sich. Ruth-Maria Thomas erzählt in ihrem zweiten Roman, wie es sich anfühlt, in unterschiedliche Leben und Welten hineingeboren zu werden.
Eigentlich wird ihr Name Mishelle geschrieben. Ein Rechtschreibfehler ihrer Mutter Marianne, die „ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben in ihren und den Namen ihres Bruders Maurice gesteckt hatte“. Doch das verschweigt Michelle in ihrem Job als Rezeptionistin eines Hotels in der Großstadt. Wohin sie nach der Pleite ihres eigenen Schmuckladens in der Lausitz flüchtet. Sie lässt alles zurück, nur ihre Schulden begleiten und drücken sie. Als sie Henry begegnet, verlieben sich die beiden. Die beiden Welten clashen. Henry, dessen Eltern Akademiker:innen sind, der in einer Eigentumswohnung lebt und vollkommen andere Startbedingungen und Ressourcen hat: „Ich stelle es mir vor wie eine warme Dusche, wie ein weiches Bett, als wäre das Leben dann perfekt“. Existenzangst begleitet Michelle ununterbrochen, „den Verdacht zu haben, dass es für sie keine gute Zukunft gab, sich Träume zu verbieten.“
Beide sind sich ihrer unterschiedlichen Backgrounds sehr bewusst. Michelle zieht bei Henry ein: Je sorgenfreier ihr Alltag wurde, desto mehr sah sie, wie viel sorgenvoller der Alltag anderer war.“ Er will für sie sorgen, bestärkt sie, ihren Träumen nachzugehen, doch das hat (s)einen Preis.
Pierre Bourdieu hätte seine helle Freude gehabt anhand der anschaulichen Beispiele der unterschiedlichen Habitus der beiden Protagonist:innen. Ruth-Maria Thomas schreibt über die Gräben unserer Gesellschaft, über prekäres Aufwachsen und Leben, Klassismus, von Familie, Zusammenhalt, Mut und Brüchen. „Thomas schreibt unverfroren, atemlos und gleichzeitig nachdenklich, melancholisch, zart.“ (Der Spiegel)
>> 24.8., Literaturhaus Frankfurt, 19.30 Uhr, 8/12 + Streamingticket: 5 €