© Rebekka Waitz
Wenn am 9. Februar in der Naxoshalle gelesen, diskutiert und gestritten wird, geht es um mehr als eine Jubiläumsveranstaltung. Dann verdichtet sich die Geschichte eines Gebäudes, das seit Jahrzehnten Projektionsfläche, Zankapfel, Zufluchtsort und Kulturdynamo zugleich ist.
Redaktion: Heidi Zehentner
>> 9.2., Lesung & Podium, Naxoshalle, Frankfurt, 19.30 Uhr, produktionshausnaxos.de/event/naxoshalle-abreissen
Die Naxoshalle – heute Heimat experimenteller Kunst, Performance und freier Theaterarbeit – begann als nüchterner Industriebau der NaxosUnion. Als 1990 die Maschinen verstummten, stand die Stadt vor der Frage, ob dieses vermeintlich sperrige Erbe weiterhin Platz beanspruchen dürfe. Während einige Stimmen die Halle als hinderliche Brache betrachteten, die Investitionen blockiere, erkannten andere ihren Wert als selten gewordenen Erinnerungsraum. Der Kampf zwischen Abrissfantasien und Denkmalschutz, zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Wunsch, einen Ort mit Geschichte zu bewahren, wurde zu einem Kapitel Frankfurter Stadtpolitik, das bis heute nachwirkt. Die Entscheidungen jener Jahre bilden das Fundament für das, was die Naxoshalle heute ist: ein lebendiger Raum, der Urbanität, Kunst und soziale Energie miteinander verbindet.
© Peter Grün
Willy Praml – ein Theatermacher schreibt Stadtgeschichte neu
Im Zentrum der Wende stand ein Name, der bis heute untrennbar mit der Naxoshalle verbunden ist: Willy Praml. Er sah nicht das marode Dach, sondern das Potential – nicht die Kosten, sondern die Möglichkeiten. Wo andere ein Ärgernis sahen, sah Praml Bühne, Begegnung und Zukunft. Er kämpfte dafür, das Gebäude nicht nur zu retten, sondern es zu einem Ort des Erzählens, Forschens und Erlebens zu machen. Mit Ausdauer, künstlerischer Radikalität und einem Gespür für gesellschaftliche Brüche verwandelte er die Halle in ein freies Theater, das 2000 seine erste Premiere feierte und seitdem zu einem Motor Frankfurter OffKultur geworden ist. Pramls Verständnis von Theater als öffentlicher Aufgabe prägt den Ort bis heute. Die Naxoshalle wurde damit zu einem Modellprojekt dafür, wie aus Industrieleerstand kulturelle Infrastruktur werden kann – nicht als Dekoration, sondern als lebensnotwendiger Bestandteil urbaner Identität. Die Spannung zwischen Verfall und Erneuerung, zwischen Improvisation und Professionalität, ist bis heute im Raum spürbar.
Wie viel Kultur kann (und will) eine Stadt tragen?
25 Jahre nach der Hallenbesetzung wird die Frage wieder laut: Wie geht es weiter? Die Naxoshalle ist gewachsen, professioneller geworden, ein stadtweites Aushängeschild für Kunst, die sich nicht anbiedert. Doch ihre Zukunft hängt nicht nur an Förderlinien oder kulturellem Profil, sondern am politischen Willen – und am Engagement der Bürger*innen. Die Debatte sagt viel darüber aus, wie Städte mit ihren Freiräumen umgehen: Was zählt als kulturelles Erbe? Wie viel NonMainstream verträgt eine Stadtplanung, die in Quadratmetern rechnet? Und wer entscheidet, welche Räume erhalten, umgenutzt oder freigegeben werden? Der Abend am 9. Februar lädt dazu ein, diese Fragen nicht abstrakt, sondern konkret zu stellen: mit Blick auf die Menschen, die seit Jahrzehnten in und für diesen Ort arbeiten.
Podium & Programm – Stimmen einer vielschichtigen Geschichte
Nach der Lesung des Ensembles Theater Willy Praml, das die frühen Jahre zwischen Schließung, Besetzung und künstlerischer Neugeburt lebendig werden lässt, folgt das Podium – prominent besetzt mit Zeitzeug:innen und Entscheidungsträger:innen mit Alfred Gangel, Leiter des Liegenschaftsamtes 1997–2012, ClausJürgen Göpfert, ehemals Frankfurter Rundschau, Simon Möllendorf, Leitungsteam Produktionshaus NAXOS, Willy Praml, Theatermacher, Linda Reisch, Kulturdezernentin 1990–1998 und Petra Roth, (angefragt), Oberbürgermeisterin 1995–2012. Moderiert wird der Abend von dem Kulturwissenschafler Prof. Dr. Wolfgang Schneider. Das Podium verknüpft politische Entscheidungen, persönliche Erinnerungen und kulturgeschichtliche Perspektiven. Es macht erfahrbar, wie viele Kräfte – kommunale, zivilgesellschaftliche, künstlerische – nötig waren, um die Naxoshalle gegen Abrissdruck zu verteidigen und weiterzuentwickeln.
Die Veranstaltung versteht sich nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als offener Denkraum. Die Geschichte der Naxoshalle erzählt, wie fragil kulturelle Räume sind – und wie stark, wenn Menschen sie verteidigen. Sie lädt dazu ein, über Verantwortung, Gestaltungsmut und Zukunft nachzudenken. Abriss oder Aufbruch?Beton oder Vision? Immobilie oder Möglichkeitsraum?Am 9. Februar wird darüber gesprochen – mit Leidenschaft, Widerspruch und einem klaren Ziel: die Zukunft eines Ortes, der längst mehr ist als ein Gebäude. Es ist ein Herzstück Frankfurts – eines, das bleiben will.