© Deutsches Literaturarchiv Marbach
Im 17. Jahr des Lesefestivals rückt eine Stimme in den Mittelpunkt, die die geistigen Spannungen ihrer Zeit mit seltener Klarheit festhielt: Marie Luise Kaschnitz. Zum 125. Geburtstag erscheint ihre Frankfurt-Prosa neu geordnet – ein literarischer Blick auf Vergangenheit und Gegenwart.
Redaktion: Heidi Zehentner
Das 17. Jahr des Lesefestivals markiert zugleich ein bedeutendes Jubiläum: Marie Luise Kaschnitz wäre 125 Jahre alt geworden. Anlass genug, eine Schriftstellerin neu zu entdecken, die mit feinem Blick, stiller Entschiedenheit und großer Empathie die geistigen und gesellschaftlichen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts durchdrungen hat. Im Zentrum des Festivals steht daher ein Band, der pünktlich zum Jubiläum in der Edition W erscheint: Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau. Die Herausgabe versammelt jene vielfach verstreuten, bislang nur in Teilen bekannten Texte, in denen Kaschnitz Frankfurt in den 1960er Jahren beobachtet – eine Stadt im Wandel, in der sich gesellschaftliche Spannungen bereits abzeichnen.
Marie Luise Kaschnitz lebte über Jahrzehnte immer wieder in Frankfurt, schrieb Gedichte, führte Tagebuch und fand in der Wiesenau einen Ort des Denkens. In ihren Aufzeichnungen spiegeln sich die frühen Erschütterungen der Studentenbewegung, die Unruhe der außerparlamentarischen Opposition und ein wachsendes Bewusstsein für die sozialen Bruchlinien der Stadt. Ausgangspunkt vieler ihrer Notizen ist die drohende Kündigung ihrer Wohnung im Westend – ein persönlicher Einschnitt, der sich in viel grundsätzlichere Fragen öffnet: Wie leben wir in einer Stadt, die sich verändert? Welche Hoffnungen, welche Bedrohungen entstehen aus Fortschritt, Technik und einer Gesellschaft, die sich neu ordnet? Ihre Beobachtungen reichen von poetischen Alltagsminiaturen bis zu klaren, manchmal schmerzhaften gesellschaftlichen Diagnosen. Vieles, was sie beschreibt, klingt geradezu gegenwärtig: der Wandel der Arbeitswelt, die Verunsicherungen technischer Entwicklungen, das Verschwinden vertrauter Natur.
Geboren 1901 in Karlsruhe, ausgebildet als Buchhändlerin in Weimar, bereiste Kaschnitz mit ihrem späteren Ehemann, dem Archäologen Guido von Kaschnitz-Weinberg, große Teile Europas. Ab 1941 wurde Frankfurt zu ihrem Lebensmittelpunkt; hier entstanden zentrale Werke wie Beschreibung eines Dorfes, Tage, Tage, Jahre und Orte. Ihr literarisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet – unter anderem mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, der Ehrendoktorwürde der Goethe-Universität und dem Georg-Büchner-Preis.
Mit Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau legt der Verlag Edition W unter der Herausgeberschaft von Rainer Weiss nun eine sorgfältig kuratierte Neuausgabe vor, die Kaschnitz’ eindringliche Frankfurt-Prosa erstmals in dieser Dichte zugänglich macht. Ein Buch, das nicht nur ein literarisches Erbe sichtbar macht, sondern ein Gespräch über Vergangenheit und Gegenwart eröffnet – und den Geist einer Autorin feiert, deren Fragen bis heute weiterwirken.
>> 17. Frankfurter Lesefest, 20.4.-3.5., Stadtgebiet Frankfurt, Offenbach & Vordertaunus, Programm: frankfurt-liest-ein-buch.de
>> 22 €, Marie Luise Kaschnitz: „Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau“, Verlag Rainer Weiss Edition W, ISBN 978-3-949671-23-4
AUSZÜGE AUS DEM PROGRAMM
Eröffnungsabend zum 17. Lesefest >> 20.4., Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt, 5 €
Zu Ehren ihres 125. Geburtsjahres steht Marie Luise Kaschnitz im Mittelpunkt von Frankfurt liest ein Buch. In dem zweiwöchigen Veranstaltungsmarathon dreht sich alles um ihre Frankfurter Jahre und ihre Frankfurter.
Literatur & gesellschaftlicher Wandel im Westend >> 20., 24., 27. + 30.4., Treffpunkt: U-Bahnstation Westend, Frankfurt
Im Frankfurter Westend lebten und arbeiteten Kaschnitz sowie viele ihrer Wegbegleiter:innen. Ein Stadtspaziergang mit Christian Setzepfandt zwischen dem Café Laumer, dem Palmengarten und den Wohnorten ihrer Freund:innen und Kolleg:innen.
© Privat
Making-of Kaschnitz >> 21.4., Literaturhaus, Frankfurt, Ticket 7 €/erm. 4 €, Streaming: 5 €
Was lohnt sich zu wissen, bevor wir alle eintauchen in 14 Tage gemeinsamen Lesens? Rainer Weiss, der Verleger des diesjährigen Festivalbuchs (Edition W), und Sabine Baumann (Frankfurt liest ein Buch e.V.) geben Auskunft.
Literatur im Raum der Resonanz mit Musik >> 24.4., KVFM – Kunstverein Familie Montez, Frankfurt
Christoph Gérard Stein liest mit Gespür für die feinen Verschiebungen der Kaschnitz-Texte. Alexandra Bentz (Schauspielerin/Sängerin) und Gitarrist Samuel Klemke treten mit Stimme und Musik in Dialog. Ein Abend voller Poesie und Emotion.
Radio X liest ein Buch >> 26.4., UKW 91,8 MHz, DAB+ sowie Livestream, radio.radiox.de
Das Frankfurter Stadtradio radio x nähert sich dem Festivalbuch auf eigene Weise: Verschiedene Sendungsmachende lesen kurze Textausschnitte, dazwischen verbinden Musik- und Soundcollagen die Passagen zu einem lebendigen Hörerlebnis.
Mein Immernoch da >> 28.4., Romanfabrik, Frankfurt, ab 17 €
Eine musikalische Lesung an mehreren Spielorten auf dem Union-Gelände: von der Residenzwohnung über das Areal bis in die Romanfabrik. Gabriele Graf liest Kaschnitz, Gregor Praml schafft urbane Klanglandschaften.
Spurensuche zu „Gott und die Welt“ >> 29.4., Volkshochschule Frankfurt + Fotoexkursionen, Kursentgeld: 142 €
Studierendenrevolte und außerparlamentarische Opposition, erste Hochhäuser, die Umwälzung des Westends, die Bedrohung durch technische Entwicklungen ..., genug Stoff also, mit dem man fotografisch durch die Stadt streifen wird.
Wohin sind wir gekommen >> 30.4. Frankfurter Salon, Frankfurt
In eindrücklichen Szenen eröffnet sich eine persönliche, zeitbezogene Begegnung mit Marie Luise Kaschnitz. Im Wechselspiel von Sprache und Musik verweben sich ihre Erinnerungen und Gedanken zu lebhaften Bildern und Momenten.
Heute wie einst – Das-wie-wäre-es-wenn-Spiel >> 1.5., Internationales Theater, Frankfurt
Was können wir einer Welt mit Hass, Krieg, Verzweiflung entgegensetzen? Kaschnitz’ Texte ermöglichen durch Überhöhung und Fantasie Freiheit im Kopf. Ein inspirierender, alle Sinne ansprechender Abend mit Lesung, Szene, vertonten Gedichten, Musik.
Abschlussevent & Rückblick >> 2.5., Volksbühne im Großen Hirschgraben, Frankfurt, 25, erm. 12 €
Am Ende von Frankfurt liest ein Buch 2026 liest die Schauspielerin Ricarda Klingelhöfer noch einmal Schlüsselszenen aus dem Festivalbuch. Michael Quast und weitere Schauspieler:innen der Volksbühne präsentieren eine szenische Lesung aus „Unternehmen Arche Noah“, einem Hörspiel von Marie Luise Kaschnitz von 1970.