© Carl Philipp Roth
Jehona Kicaj
Was bedeutet es, wenn die eigene Mutter an Krebs stirbt, wie die eigene Trauer aushalten und soziale Dynamiken in der Familie neu aushandeln? Fikri Anıl Altıntaş erzählt in seinem autofiktionalen Roman vom Abschied von der Mutter.
Mürüvvet träumt 1973 davon, Flugbegleiterin in Izmir zu werden, doch ihr Vater – Gastarbeiter in Deutschland – hat andere Pläne, die Familie zieht nach Deutschland. Altıntaş erzählt einfühlsam von den Träumen und Hoffnungen der jungen Frau, seiner Mutter: „Ich wünsche mir, dass du keine Mutter bist, sondern eine Frau, die ihr Leben in Deutschland nach eigenen Wünschen gestaltet. Von deinen Wünschen gewusst zu haben, das hätte bedeutet, mit dir darüber gesprochen zu haben.“ Das ist eine der drei Zeitebenen, auf welcher der Autor erzählt. Die zweite handelt von einem einzigen Tag bei den Eltern zu Hause, am Geburtstag seiner Mutter – der Sohn kocht das Essen, Mürüvvet, bereits schwach, ist immer wieder in der Küche, ihrem Refugium: „Manchmal gibst du mir das Gefühl, dass du dich selbst davon überzeugen musst, das Leben in Banalitäten spüren zu müssen.“ Während die dritte Zeitebene die Monate und Jahre ab der Krebsdiagnose erzählt – geprägt von Schock, Angst und Hoffnung. Routinen verändern sich, die Krankheit ist allgegenwärtig, der Sohn versucht, an Gewohnheiten festzuhalten, dokumentiert die gemeinsame Zeit, stellt sich Fragen wie: „Ich hoffe, sie weiß, dass ich sie liebe, auch wenn es schwer ist, Liebe nachzuholen.“ Und ob die Mutter ein erfülltes Leben gehabt habe. Er reflektiert sich selber, seinen Schreibprozess, fragt sich kritisch, was er übersehen haben könnte, was die Liebe zwischen den Generationen oft so schwer macht, schreibt behutsam, berührend vom Schmerz der Trauer. Der Autor schreibt auch über seine Erfahrungen mit Alltagsrassismus, den seine Eltern ebenfalls erfahren haben: „Wir haben viel gelitten, Anıl, viel. Nie konnten wir uns davon befreien, Ausländer zu sein. Leider ‚spürst du das bis heute‘, sagt meine Mutter in klarer Stimme […]“.
Fikri Anıl Altıntaş arbeitet als politischer Bildner und freier Autor, setzt sich in seinen Arbeiten kritisch mit Männlichkeiten und Rollenbildern auseinander. Er schreibt u.a. für den Freitag, die taz und pinkstinks.de.
>> 12.2.2026, Hessisches Literaturforum, 19.30 Uhr, hlfm.de