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Geschichte ist nie vorbei, beeinflusst sie doch die Gegenwart und im besten Fall auch die Zukunft – indem sie sich nicht wiederholt. Der Storytelling-Salon 2026 ist ein Abend über Erinnerung als widerständige Praxis – ein Abend über Geschichte, die nicht vorbei ist und erinnert werden will.
Text: Sohra Nadjibi
>> 12.2., Mousonturm, Einlass 19 Uhr, Beginn 19.30 Uhr, mousonturm.de
Die Schwarze Geschichte in Deutschland ist älter als angenommen, die Spuren reichen bis ins Mittelalter zurück, durchziehen die Kolonialzeit, den Nationalsozialismus. Laut des Mikrozensus 2023 leben 1,27 Million Menschen mit afrikanischer Migrationsgeschichte in Deutschland, teilweise in der sechsten Generation. Laut Mediendienst Integration haben 97 % im Afrozensus (2021) – einer Onlineerhebung zu Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland – angegeben, in den letzten zwei Jahren Diskriminierung erfahren zu haben. Poltische Kämpfe um Selbstbestimmung, Anerkennung, Sichtbarkeit und politische Partizipation sind heute allgegenwärtig. 1985 gründete sich die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), die sich genau dafür unermüdlich einsetzt und sich gegen jede Form von institutionellem und strukturellem Rassismus engagiert sowie für eine umfassende Aufarbeitung der deutschen und europäischen Kolonialgeschichte.
Schwarze Geschichte in Deutschland
Doch wer entscheidet, was erinnert werden soll und was vergessen werden darf? Welche Geschichte ist es „wert“, bewahrt, archiviert und weitergeben zu werden? Und wie fühlt es sich an, wenn die eigene Geschichte in Archiven, Museen, Lehrbüchern fehlt, eine Leerstelle ist? Wenn Erinnerung „erarbeitet“ werden muss, da sie für marginalisierte Menschen nicht als selbstverständlich erachtet wird?
Der diesjährige Storytelling Salon im Rahmen des Black History Month – der seit den 1990er auch in Deutschland im Februar die Geschichte, Kultur und Errungenschaften von Schwarzen Menschen würdigt – steht ganz im Zeichen von Erinnerungskämpfen: „Es geht um konkrete Kapitel Schwarzer Geschichte in Deutschland, postkoloniale Aufarbeitung in Städten und Institutionen – und um die Frage, was es bedeutet, sich Erinnerung aktiv zurückzuholen“ (Hadija Haruna-Oelker).
„Dein Schweigen wird dich nicht beschützen“ (Audre Lorde/Sister Outsider)
Hadija Haruna-Oelker – Journalistin und Autorin (zuletzt erschien ihr Buch „Alles auf Anfang, in dem sie sich gemeinsam mit dem Autor Max Czollek auf die Suche nach einer neuen Erinnerungskultur begibt) – kuratiert und moderiert den Salon und verbindet unterschiedliche Stimmen miteinander. Lesungen treffen auf Erzählungen und Performances, ob gesprochen, poetisch oder analytisch, in diesem Raum ist Platz für subjektive Erfahrungen und gesellschaftliche Analysen.
Autorin, Übersetzerin – sie übersetzte u.a. bell hooks, Audre Lorde, Amanda Gorman – und Literaturwissenschaftlerin Marion Kraft stellt ihren Debütroman „Weltenwechsel“ vor. Eine Familiengeschichte anhand dreier Frauen unterschiedlicher Generationen auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit: „Es ist eine Geschichte aus Deutschland, die neben der offiziellen herläuft, als gehöre sie nicht dazu. […] Kraft erzählt sie […] als Teil der Geschichte dieses Landes. Damit sie nicht verloren geht. Sie muss gelesen werden, um sie als Teil der Erinnerung in Deutschland zu bewahren“, so die Journalistin Verena Lueken (orlanda.de).
Mit-Gründerin des ISD, Autorin, Übersetzerin und Sprachdozentin Eleonore Wiedenroth-Coulibaly ist Mit-Autorin des wegweisenden Werks „Farbe bekennen – Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“. Die antirassistische und feministische Aktivistin erhielt 2021 den Tony Sender-Preis und ist Mitherausgeberin des Sammelbands „Spiegelblicke – Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland“.
Julia Albrecht ist Kulturvermittlerin am Weltkulturen Museum Frankfurt. Die aktuelle Ausstellung „Sheroes. Comic Art from Africa“ fokussiert sich auf weibliche Perspektiven – die leider noch immer marginalisiert werden: Superheldinnen kämpfen hier mit lokalen Gottheiten gegen Umweltkatastrophen, Protagonistinnen verteidigen LGBTQ-Rechte, junge Frauen bewältigen ihren urbanen Alltag.
Brenda Davina ist Mitglied im Verein Afrosources – einer afrozentrischen Interessenvertretung – und wissenschaftliche Koordinatorin für das „Koloniale Erbe“ der Stadt Hannover, ihre Stelle ist erstmalig in dieser Art in Deutschland.
Alle Akteurinnen wollen mit ihren persönlichen Erinnerungen, politischen Perspektiven und kulturellen Praktiken Schwarze Geschichte erzählen, verteidigen und weitergeben.
Der BHM-Storytelling ist inzwischen eine feste Instanz zum Black History Month, der alljährlich von Hadija Haruna-Oelker kuratiert wird: „Es macht mir nicht nur Spaß, die Dramaturgie dieser Abende zu entwickeln, sondern sie bestärken mich auch. Es ist das Zusammenspiel der Stimmen, die jedes Jahr aufs Neue einen besonderen Raum entstehen lassen, der nicht vorhersehbar ist, und dieses Hochgefühl, das auf zwischenmenschlicher Ebene entsteht, ist einfach unglaublich schön.“