© Harriet Meyer
Şeyda Kurt erzählt in ihrem Debütroman Geschichten von Menschen, deren Leben nicht erzählt worden sind. Schreibt über Wahlfamilien, Zusammenhalt und Revolution. Und verhandelt die zentrale Frage: Können wir anders leben? In einer Zeit der Multikrisen.
Das Viertel, in welchem die Protagonist:innen leben, ist ein vermeintlich trostloser Ort voller Zuschreibungen, wird gar als Sumpf bezeichnet. Doch der Mikrokosmos stellt sich als widerständiger, gemeinschaftlicher Ort heraus. Wo sich zugewandt, solidarisch begegnet und gehandelt wird, z.B. im aktiven Nachbarschaftsrat.
Da sind die toughe Fitnessstudio-Leiterin Mira, in deren Studio „Faschos und Polizisten“ trainieren und die Briefe mit klaren Forderungen an die Kanzlerin schreibt. Sohn Yousip mit Enkel Adad, Miras Tochter Nabû – die verschwunden ist –, Pfarrer Angelo, der Menschen in Not Zuflucht gewährt, Kadi, der geflüchtet ist, und Miras eigenwillige Ziehtochter Sanya. Die mit einem Rucksack und einer Pistole durchs Viertel zieht, bis sie eines Tages eine seltsame Gestalt trifft. Und da ist die Prophezeiung, die auf TikTok viral geht und den Untergang vorhersagt. In einem Interview sprach Şeyda Kurt von ihrem Interesse am Sinnlichen und am Entzücken. Nach ihren beiden Sachbüchern („Radikale Zärtlichkeit“ und „Hass“) wendet sie sich diesem Genre zu: „Für mich ist mein Buch ein Thermometer, mit dem ich den Fiebertraum namens Realität messe. Nur scheint die Realität gerade jede Absurdität, jede Ungeheuerlichkeit, die man sich ausdenken könnte, zu übertreffen. So bleibt der Roman zugleich ein Anker, ein Bezugspunkt für Klarheit und Zärtlichkeit in diesen wilden Zeiten“.
In der Geschichte wechseln sich einzelne Begegnungen mit vielen Handlungssträngen ab, die erzählt, kommentiert werden oder in Versform aufeinandertreffen. Ein Kaleidoskop der Sprachen, Worte, Charaktere. Das klingt wild und ist es auch (die dem Roman vorangehende Vorstellung der einzelnen Protagonst:innen ist aufschlussreich) und Şeyda Kurt erzählt all das in atemberaubender und schöner Sprache „für alle, die hoffen, und für alle, die verzweifeln. Für diejenigen, die sich verlieren, und für diejenigen, die einander wiederfinden wollen. Für alle, die spüren, dass wir inmitten des Chaos menschlich bleiben müssen“ (Şeyda Kurt).
>> 23.9., Literaturhaus Frankfurt, 19.30 Uhr, 8/12 € + Streamingticket: 5 €, literaturhaus-frankfurt.de