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Eine große Doppelausstellung im Museum Angewandte Kunst und im saasfee*pavillon erforscht, wie KI unsere Wirklichkeit neu schreibt.
Redaktion: Marie Brunner
Im Alltag sind generative KI-Systeme längst selbstverständlich geworden – oftmals, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Bilder, die nie fotografiert wurden, Texte, die ohne menschliche Hand entstehen, Videos, die Wirklichkeiten simulieren: All diese neuen Formen visueller und narrativer Produktion beeinflussen, wie wir Welt sehen – und wie wir uns selbst darin verorten. Die Ausstellung AI-Worlding, die parallel im Museum Angewandte Kunst und im saasfee*pavillon gezeigt wird, widmet sich genau diesem Prozess: dem Hervorbringen von Welten durch Kunst und Technologie.
Hier wird untersucht, wie Kunst diese Prozesse sichtbar macht, irritiert und hinterfragt. KI-generierte Bilder treffen auf Malerei, Videoarbeiten auf immersive Räume, algorithmische Textproduktion auf interaktive Sound- und Rauminstallationen.
Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine im Zeitalter generativer Systeme
In manchen Projekten wird KI zum Werkzeug, das Ideen erweitert oder Variation erzeugt. In anderen agiert sie als Co-Creator, übernimmt Entscheidungen, greift in Prozesse ein, setzt ästhetische Impulse. Wieder andere Werke zeigen, wie KI gestaltend eingreift, wenn Künstler:innen ihr Identitäten, Erinnerungen oder physische Merkmale als Datengrundlage zur Verfügung stellen. Wo endet das menschliche Ich? Wo beginnt das maschinelle? Und was entsteht dazwischen?
Ein wiederkehrendes Thema ist die Frage nach Normierung und Macht. KI-Systeme reproduzieren häufig Ausschlüsse, Körpernormen und stereotype Vorstellungen, die in ihren Trainingsdaten angelegt sind. Die Ausstellung macht sichtbar, wie synthetische Daten reale Wahrnehmungen beeinflussen – und wie Kunst diese Wechselwirkungen offenlegt, verzerrt, überzeichnet oder subversiv neu ordnet. In einigen Arbeiten entstehen so Überlagerungen aus Vergangenheit und Gegenwart, aus tatsächlichen und verfremdeten Erinnerungen. Neue Realitäten werden konstruiert, die gleichsam vertraut und fremd wirken.
Bemerkenswert ist, wie sehr das Publikum in viele Werke integriert wird. Durch die Verarbeitung von Ausstellungsdaten, Bewegungsmustern oder Interaktionen entstehen dynamische Feedback-Loops, in denen Besucher:innen Teil eines erweiterten Systems aus menschlichem Input und algorithmischer Antwort werden. Die Ausstellung wird zur sozialen, ästhetischen und medialen Kontaktzone. Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Programm aus Führungen, Podiumsdiskussionen und Performances, die den dialogischen Charakter des Projekts unterstreichen. Künstler:innen und Kurator:innen öffnen ihre Prozesse und laden das Publikum dazu ein, eigene Perspektiven einzubringen – ein wichtiger Schritt, um die gesellschaftliche Relevanz von KI nicht nur zu diskutieren, sondern auch sinnlich erfahrbar zu machen.
In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz längst Teil unseres Alltags ist, zeigt AI-Worlding, wie wertvoll künstlerische Perspektiven für das Verständnis dieser Technologien sind. Kunst wird hier zum Resonanzraum für Fragen, die weit über Ästhetik hinausgehen: Wie werden Wirklichkeiten geformt? Wie verändert sich unser Verhältnis zu Bildern, Körpern, Erinnerungen? Und wie können wir als Gesellschaft mitgestalten, welche Welten KI künftig hervorbringt? Die Ausstellung stellt keine einfachen Antworten bereit. Stattdessen eröffnet sie Räume, die zum Nachdenken, zum Staunen und zur kritischen Auseinandersetzung einladen. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Worlding ist ein fortlaufender, gemeinsamer Prozess – einer, der nicht den Maschinen überlassen werden darf, sondern im Zusammenspiel von Kunst, Wissenschaft, Öffentlichkeit und Technologie neu gedacht werden muss.
>> Museum für Kommunikation, Frankfurt, mfk-frankfurt.de