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Batschkapp – hessisch für Schiebermütze – klingt nach Kiez, Kante und Charakter. 1976 als alternatives Kulturzentrum gegründet, wurde aus der sponti-linken Vision am Bahndamm in Eschersheim ein Ort, der das kulturelle Gedächtnis Frankfurts mitgeschrieben hat. 2026 feiert die „Kapp“ ihr 50-jähriges Bestehen – lebendig wie eh und je, größer, lauter, vielfältiger und doch dem Spirit der Anfangstage verpflichtet. Redaktion: Heidi Zehentner
>> Batschkapp (Gwinnerstr. 5), Frankfurt, batschkapp.net
Mitte der 70er brodelte Frankfurt. Aus der Sponti-Bewegung heraus entstand 1976 ein Kulturzentrum, das mehr sein wollte als ein Rockschuppen: eine Bühne für autonome, linke Gegenkultur – mit Konzerten, Theaterworkshops, Diskussionen und viel Experimentierfreude. Dass in der Maybachstraße 24 zuvor ein Stadtteilkino („Metropol-Lichtspiele“) residierte, passt zur Idee, Kultur als kommunales Erlebnis zu begreifen. Unter den frühen Stammgästen: Joschka Fischer. Die Batschkapp wurde schnell zur Anlaufstelle für Subkultur und neue Musikströmungen – Punk, New Wave, Indie. Das Haus war weniger ein Ort als ein Aggregatzustand: wild, politisch, porös, offen. Schon früh legten dort nicht nur Gitarrenbands, sondern auch DJs wie Westbam (1987) auf – eine frühe Schnittstelle zwischen Club- und Konzertkultur.
Die Liste derer, die die kleine Bühne groß machten, ist legendär: Nirvana, Lenny Kravitz, R.E.M., Die Toten Hosen – sie alle spielten in der „Kapp“, lange bevor sie Arenen füllten. Für viele Frankfurter:innen ist der Club biografisch – erstes Konzert, erste Nacht durchtanzen, erste Umarmung unterm schwitzenden Deckenpanel. Ein schönes Zeitdokument: Die Hosen gastierten u.a. 1985 in der Batschkapp – in jener „unter falscher Flagge“-Phase, als die Gruppe zwischen Punk-Ernst und Ironie das Land elektrisierte. Solche Abende stehen im Stadtgedächtnis wie Initialen in altem Holz.
Vom Straßentheater bis Techno-Tunnel
Die Batschkapp war nie nur Rock. Anfangs gab es Theater und Workshops, später wurde sie zur Zündkerze für Club- und Rave-Kultur. 1994 organisierte die „Kapp“ gemeinsam mit Szeneakteuren den zweitägigen „Tunnel Rave – Tunnel of Love“ im gesperrten Theatertunnel, mit Acts wie Sven Väth, Marusha und Mark Spoon – ein urbanes Gesamtkunstwerk für ein 1200-jähriges Frankfurt, das plötzlich sehr jung wirkte. Auch Popkulturgeschichte blitzte auf: 1995 diente die Batschkapp als Kulisse für Sabrina Setlurs Video „Hier kommt die Schwester“. Und 2007 widmete der Hessische Rundfunk dem Club eine 45-minütige Doku – ein Ritterschlag für eine Adresse, die längst zur Marke geworden war.
Der Umzug 2013
Was viele befürchteten, wurde zur Chance: 2013 zog die Batschkapp vom altehrwürdigen, aber engen Standort in Eschersheim in die Gwinnerstraße 5 nach Seckbach. Statt rund 400 passen seither bis zu 1.500 Besucher:innen hinein – ein Quantensprung, der eigene Großkonzerte ermöglicht, die früher in die Stadthalle Offenbach oder die Hugenottenhalle ausweichen mussten. Der Geist zog mit, nur die Luft ist besser. Die neue Halle – technisch kräftiger, backstage komfortabler, mit großer Außenfläche – machte vieles möglich: Sommerfeste, Musikflohmärkte, Open-Air-Momente. Für Frankfurt schloss sich damit eine Lücke in der Clubkapazität. Parallel wurde die Familie größer: Seit 1993 betreibt das Team den kleineren Club „Nachtleben“ an der Konstablerwache – ein Inkubator für Nachwuchs und Nischen.
2015/2019 endete das Kapitel Maybachstraße endgültig: Abriss, Bauschutt, Wehmut – und der Blick nach vorn. Auf dem Gelände errichtete die städtische ABG Frankfurt Holding Wohnungen und einen Nahversorger. Vor dem Bagger kam der Pinsel: Archäolog:innen dokumentierten die längere Gasthausgeschichte des Areals („Wirtshaus zum Bahnhof“) – ein Beleg, dass hier schon vor Clubzeiten gefeiert, getrunken, gestritten wurde. Stadtgeschichte in Schichten.
Kein anderer Club spiegelt die Frankfurter Spannweite so elegant: von Arbeiterkultur (der Name!) bis Bankenmetropole, von Straßenkampf zu Popkultur, von DIY-Spirit zu professioneller Produktion. Die taz beschrieb die Batschkapp schon 2007 als Prisma linker Subkultur und ihrer Verwandlungen – ein Ort, an dem politische, kulturelle und mediale Kräfte aufeinandertreffen. VICE setzte später nach: Ohne solche Häuser wäre die alternative Szene dieser Stadt mehrfach beerdigt worden. Wurde sie nicht. Dank Kapp.
Ralf Scheffler – Der Mann hinter der „Kapp“
Wenn die Batschkapp heute ihr 50-jähriges Jubiläum feiert, dann ist ein Name untrennbar damit verbunden: Ralf Scheffler. Seit den frühen Tagen des Clubs ist er nicht nur Betreiber, sondern Herz und Motor der „Kapp“. Geboren 1948 in Hochheim, wuchs Scheffler in bescheidenen Verhältnissen auf und fand in den 1970er-Jahren seinen Weg in die Frankfurter Sponti-Szene. Hausbesetzungen, politische Aktionen, Demonstrationen – all das prägte seinen Blick auf Kultur als gesellschaftliche Kraft. Aus dieser Haltung heraus entstand die Idee, einen Ort für Musik, Begegnung und Gegenkultur zu schaffen: die Batschkapp. Scheffler war nie der klassische Unternehmer. Er verstand den Club als soziales Projekt, als Plattform für Vielfalt und als Experimentierfeld für neue Musikströmungen. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Batschkapp vom autonomen Kulturzentrum zum professionellen Veranstaltungsbetrieb – ohne den rebellischen Kern zu verlieren. „Das war Zufall und so nicht geplant“, sagt Scheffler. „Eigentlich wollten wir damals nur ein Wohnzimmer für die Sponti-Szene.“ Sein größter Kraftakt kam 2013: der Umzug von der engen Maybachstraße in die Gwinnerstraße. Aus 400 wurden 1.500 Plätze, aus improvisierter Technik ein modernes Setup. Für Scheffler war das kein Bruch, sondern eine Weiterentwicklung – ein Schritt, der Mut und Vision verlangte. „Damals war es gelebte Anarchie – heute ist es gelebte Professionalität.“ Bis heute ist Scheffler Geschäftsführer der Batschkapp Event- und Gastro-Betriebsgesellschaft. Er kämpft für Kulturfreiheit, streitet mit Behörden über Tanzverbote und bleibt ein unermüdlicher Netzwerker. Sein Vermächtnis? Ein Club, der Frankfurt geprägt hat – und weiter prägt. Ein Ort, an dem sich Generationen begegnen, an dem Musik Geschichte schreibt, und an dem ein Mann seit fünf Jahrzehnten beweist, dass Leidenschaft stärker ist als jede Norm.