© Joerg Baumann
Wenn der Mousonturm im August 2026 seinen 100. Geburtstag feiert, dann begeht Frankfurt nicht nur das Jubiläum eines markanten Gebäudes. Gefeiert wird zugleich ein Stück Stadtgeschichte, das von industrieller Innovation, architektonischer Vision und kulturellem Wandel erzählt. Der expressionistische Klinkerturm im Frankfurter Ostend, 1926 als Hauptgebäude der Seifen- und Parfümfabrik J. G. Mouson fertiggestellt, war das erste Hochhaus der Stadt und ist bis heute ein prägendes Wahrzeichen der Frankfurter Skyline.
Redaktion: Heidi Zehentner
In den vergangenen hundert Jahren hat der Bau eine bemerkenswerte Transformation erlebt. Wo einst industrielle Produktion den Alltag bestimmte, entstehen heute künstlerische Produktionen, internationale Kooperationen und gesellschaftliche Debatten. Seit 1988 ist das Künstler:innenhaus Mousonturm einer der wichtigsten Orte für zeitgenössische freie darstellende Künste in Deutschland. Dass das einzige erhaltene Gebäude des ehemaligen Fabrikgeländes heute als Theater-, Konzert- und Produktionshaus genutzt wird, steht exemplarisch für einen gelungenen Umgang mit industriellem Erbe. Tatsächlich hat sich das Haus über Jahrzehnte hinweg als Ort etabliert, an dem neue künstlerische Formen erprobt und gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert werden. Seine Bedeutung reicht dabei weit über die Stadtgrenzen hinaus. Künstler:innen aus der Region, dem deutschsprachigen Raum und aus aller Welt finden hier eine Plattform für innovative Projekte und neue Perspektiven auf die Gegenwart.
Vom Fabrikhochhaus zum internationalen Produktionshaus
Der Wandel des Mousonturms spiegelt zugleich die Entwicklung Frankfurts wider. In den 1920er Jahren stand das Gebäude für wirtschaftliche Dynamik und den Aufbruch in die Moderne. Heute verkörpert es die Offenheit einer Stadt, die kulturelle Vielfalt und kreative Experimente fördert. Das Jubiläumsjahr wird deshalb nicht auf einen einzelnen Festtag reduziert. Bereits seit April läuft ein umfangreiches künstlerisches Programm, das bis Ende 2026 fortgesetzt wird. Den Höhepunkt bildet jedoch das Jubiläumswochenende am 22. und 23. August, an dem sich die Waldschmidtstraße in eine kulturelle Festmeile verwandelt.
Gemeinsam mit Nachbarinstitutionen und lokalen Partner:innen veranstaltet der Mousonturm ein großes Straßenfest mit Mitmachangeboten, Architekturführungen, Musik, Gastronomie und Performances. Zu den Höhepunkten zählen die Prinzessinnenparade der philippinischen Künstlerin Eisa Jocson sowie spektakuläre Hochseilartistik über den Dächern des Viertels. Am Abend wird der Turm selbst zur größten Geburtstagskerze Frankfurts und setzt, begleitet von einem Live-Konzert des Musikers Elischa Kaminer, ein weithin sichtbares Zeichen im Nachthimmel.
Saisonstart mit starken Uraufführungen
Das Jubiläum markiert zugleich den Beginn einer neuen Spielzeit. Bereits am 20. August eröffnet die Uraufführung von „Frei_Spiel X – Das große Ganze“ die Saison. Die Junge Deutsche Philharmonie und das Theaterkollektiv She She Pop widmen sich darin dem Orchester als Modell gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ende August folgt mit „Weltuntergang und wir haben keine Zeit, die Tassen auszuwaschen. Eine Teegesellschaft“ von zaungäste eine weitere Uraufführung. Die Produktion setzt sich mit Krisenerfahrungen und Zukunftsfragen auseinander, ohne dabei in düstere Katastrophenszenarien zu verfallen. Auch darüber hinaus zeigt das Augustprogramm die programmatische Vielfalt des Hauses. Konzerte mit internationalen Künstler:innen wie Ásgeir, Moop Mama oder Liraz stehen ebenso auf dem Spielplan wie Angebote für junges Publikum und inklusive Diskursformate. Damit bleibt der Mousonturm seinem Selbstverständnis treu: als Ort der Begegnung, der Kunst und der gesellschaftlichen Teilhabe.
Hundert Jahre nach seiner Errichtung blickt der Mousonturm nicht nostalgisch zurück. Das Jubiläum macht vielmehr deutlich, wie lebendig Geschichte sein kann, wenn sie kontinuierlich neu erzählt wird. Gerade darin liegt die besondere Stärke dieses Frankfurter Wahrzeichens – in seiner Fähigkeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden.