Ein Berliner Experte, der nicht hinter der Theke bleibt
Wer Sebastian Gollas kennt, weiß, dass er nicht der Typ ist, der sich hinter einer Ladentheke versteckt. Der Geschäftsführer von StarkeZigarren aus Berlin reist lieber dorthin, wo Tabak wächst: Costa Rica, Nicaragua, Kolumbien, Indonesien. Er spricht mit Bauern, besucht Manufakturen und kommt mit Blends zurück, die in deutschen Fachgeschäften sonst kaum jemand führt. Wenn er dann vor einem Publikum steht und über Zigarren spricht, merkt man den Unterschied. Genau das war am 21. Juni 2026 in Neu-Isenburg der Fall, beim 20. Jubiläum der Frankfurt Smokers Night im Hilton Gravenbruch, wo Gollas als Experte des Abends auftrat und dem Publikum zeigte, was zeitgemäße Zigarrenkultur jenseits der üblichen Klassiker bedeutet.
StarkeZigarren gibt es seit 2005. Das Berliner Ladengeschäft in der Pariser Straße 54 ist seit Jahren eine feste Adresse für Aficionados, die nicht beim Erstbesten bleiben wollen. Mehr als 4.000 Zigarren im Online-Sortiment, mit einem klaren Schwerpunkt auf handgerollten Longfillern aus Mittelamerika, der Karibik und Südamerika. Was Gollas von vielen anderen Händlern unterscheidet, ist nicht die Zahl der Produkte, sondern wie sie ins Sortiment kommen. Persönliche Beziehungen zu Herstellern, Reisen in die Produktionsregionen, eigene Urteilsfindung vor Ort. Wer sich im Herbst 2025 mehrere Monate durch Nicaragua, Kolumbien und Costa Rica bewegt, um für das kommende Jahr neue Blends zu sichern, betreibt eben kein Händlergeschäft nach Katalog.
Zwanzig Jahre Frankfurt Smokers Night: Mehr als ein geselliger Raucherabend
Die Frankfurt Smokers Night ist das Umfeld, in dem so jemand funktioniert. Heidi-Maria Dietrich, die Gründerin der Veranstaltung, bringt seit zwei Jahrzehnten Genießer zusammen, die mehr wollen als eine lockere Rauchsession. Zwanzig Jahre. Das klingt nach Routine, ist aber das Gegenteil davon. Wer regelmäßig versucht, eine Gruppe von Kennern zusammenzubringen und ihnen immer wieder etwas Neues zu bieten, weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. Es braucht Konstanz, Vertrauen und ein Programm, das nicht bei sich selbst stehen bleibt. Gäste, die diesmal eigens aus Bremerhaven nach Neu-Isenburg anreisten, sprechen eine deutliche Sprache. Das Hilton Gravenbruch bot mit seiner Zigarrenlounge, der Terrasse am See und den Wasserfontänen draußen genau die Kulisse, die einem solchen Abend den nötigen Rahmen gibt. Zur Begrüßung gab es eine Willkommenszigarre aus Costa Rica. Wer weiß, dass Gollas die dortige Tabakregion Puriscal im selben Herbst persönlich besucht und an neuen Blends mitgearbeitet hatte, versteht, dass das kein Griff ins Regal war.
Champagner, der Zeit gebraucht hat
Was folgte, war ein Champagnerprogramm mit drei Cuvées von Laurent-Perrier, das auf den ersten Blick wie eine naheliegende Ergänzung zum Abend wirkte und auf den zweiten deutlich mehr war. Einige der verkosteten Champagner hatten bis zu acht Jahre auf der Hefe gelegen. Das ist eine Zeitinvestition, die man im Glas spürt: cremiger, dichter, komplexer. Und das ist der Punkt, an dem das Pairing mit einer Zigarre aufhört, Zufall zu sein. Ein junger Champagner kommt gegen eine kräftige Zigarre kaum an, er verliert sich im Rauch. Ein gereifter bringt genug Substanz mit, um mitzuhalten. Wie ein erfahrener Gesprächspartner, der nicht lauter wird, wenn der andere mehr Raum einnimmt, sondern einfach bleibt. Die Kombination aus Champagner und Zigarre zeigte an diesem Abend, wie viel aus einem solchen Pairing herauszuholen ist, wenn man es mit Sachkenntnis angeht statt mit bloßem Repräsentationsanspruch.
Sebastian Gollas und die Geografie des Tabaks
Das eigentliche Gewicht des Abends trugen Gollas' Einblicke in die Welt brasilianischer und indonesischer Tabake. Brasilien und Indonesien stehen im deutschen Fachhandel oft im Schatten bekannterer Herkunftsländer. Wer dachte, das sei eher trockene Theorie, merkte schnell, dass Gollas aus eigener Anschauung spricht und nicht aus dem Lehrbuch.
Mata-Fina aus Brasilien ist eine Sorte, die unter Kennern geschätzt wird und bei breiterem Publikum noch immer unterrepräsentiert ist. Sie ist mild, ohne flach zu sein, komplex genug, um interessant zu bleiben, und dabei zugänglich genug für Gäste, die nicht jeden Tag eine Zigarre rauchen. Das ist eine Kombination, die schwerer zu erreichen ist, als sie klingt, und genau das ist es, was diese Sorte für einen Abend wie diesen geeignet macht.
Dann Sumatra. Das Deli-Deckblatt, das dort angebaut wird, hat in der Zigarrenherstellung einen Ruf, der seit Jahrzehnten hält. Eine natürliche Ölung, eine Textur und Elastizität, die Hersteller weltweit schätzen, wenn sie ein hochwertiges Deckblatt suchen. Gollas erklärte, warum das Blatt so besonders ist. Nicht als Marketingbotschaft, sondern als jemand, der selbst vor Ort war und gesehen hat, unter welchen Bedingungen dieser Tabak entsteht.
Aus Jakarta brachte er außerdem eine Geschichte mit, die symptomatisch ist für das, was in der Zigarrenkultur gerade passiert. Jeremy Thomas, ein in Indonesien bekannter Schauspieler, hat gemeinsam mit der Marke Chone eine eigene Zigarre entwickelt, den Chone Maduro, der Tabake aus vier verschiedenen Ländern verbindet. Dass eine solche Kollaboration in Jakarta entsteht und dann auf einer Veranstaltung in Neu-Isenburg besprochen wird, zeigt, wie weit das Feld der zeitgenössischen Zigarrenwelt mittlerweile reicht. Und wie selten man das hierzulande überhaupt zu sehen bekommt.
Ein Sortiment, das keine Angst vor Unbekanntem hat
Die Zigarrenauswahl des Abends reichte von Brasilien bis Honduras und präsentierte Marken, die man im Schaufenster eines durchschnittlichen Tabakladens selten findet: Aladino, Victor Calvo, Dona Flor, De Leon und Leite & Alves. Keine Namen aus der Werbung. Aber Namen, die bei Kennern einen Klang haben, weil sie für handwerkliche Qualität und eigenständige Geschmacksprofile stehen, nicht für Volumen.
Genau das ist das Prinzip, nach dem StarkeZigarren seit der Gründung arbeitet. Nicht führen, was alle führen. Stattdessen ein Sortiment zusammenstellen, das Entdeckungen möglich macht. Für die Gäste des Abends bedeutete das konkret, dass ein Teil der Verkostung aus Zigarren bestand, die viele von ihnen vorher schlicht noch nie in der Hand gehalten hatten. Gollas reist regelmäßig in die Produktionsländer, um das Portfolio persönlich aufzubauen und direkte Beziehungen zu Herstellern zu pflegen. Das schlägt sich in der Auswahl nieder, die er nach Frankfurt mitgebracht hatte, und in den Geschichten, die er dazu erzählen konnte. Eine Zigarre ohne Geschichte ist nur eine Zigarre. Mit der richtigen Geschichte dahinter wird sie zu etwas anderem.
Der Portier und Chopin: ein Ende, das sich niemand ausgedacht hätte
Der Abend endete so, wie gute Abende enden sollten: unvorhergesehen. Nach der offiziellen Verkostung und einer ungezwungenen Afterparty setzte sich jemand in der Lobby des Hotels ans Piano und spielte Chopin. Bis der Portier erschien. Ein Moment, den niemand geplant hatte und den vermutlich niemand vergessen wird. Zwanzig Jahre Frankfurt Smokers Night, ein Berliner Zigarrenhändler mit einem Koffer voller Tabakgeschichten aus vier Kontinenten und ein Chopinstück um Mitternacht. Manche Abende fügen sich einfach.